Zusammenfassung

JOSEF HRDLIČKA

Autobiographie von Johann Nikodemus Mařan Bohdanecký von Hodkov

 

Das Interessse für die Gedankenwelt der Angehörigen des Herrenstandes und bisher eher ausnahmensweise der Ritter oder der Nichtadeligen, die an den Adelshöfen tätig waren, führte im letzten Jahrzehnt manche Forscher zu den Schriften, für die man in der tschechischen Wissenschaft die etwas ungenaue Bezeichnung Quellen des persönlichen Charakters oder persönliche Quellen anzuwenden begann; in den deutschsprachigen Ländern gibt es dafür die traditionelle Bezeichnung Selbstzeugnisse oder die neuere Variante Ego-Dokumente. Die ausgewählten persönlichen Quellen wurden in der tschechischen Geschichtsforschung bekannt und manche von ihnen schon in dem 19. Jahrhundert durch Editionen veröffentlicht (eine kurze Autobiographie des Soldaten Paul Korka von Korkyně aus der Mitte des 16. Jahrhunderts; die Chronik von Johann Georg Harant von Polžice und Bezdružice aus den Jahren 1624-1648, die auch durch autobiographische Pasagen ergänzt ist). Obwohl sie auch im vorigen Jahrhundert benutzt wurden, wurde ihnen bisher keine systematische Aufmerksamkeit gewidmet. Auch wenn im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts eine außergewöhnliche Autobiographie des Soldaten Heinrich Hýzrle von Chody aus der Wende des 16. und 17. Jahrhunderts, ein religiös-ethisches Werk mit autobiographischen Zügen von Johann Zajíc von Házmburk (Mitte des 16. Jahrhunderts) oder das Tagebuch von Adam der Jüngere von Waldstein in Editionen herausgegeben wurden, fehlt in der tschechischen Historiographie ein systematisches Interesse für die Edierung der persönlichen Quellen oder wenigstens ihre Auflistung, die in Österreich Harald Tersch oder in Deutschland für den Dreißigjährigen Krieg Benigna von Krusenstjern verfassten. So ein Werk könnte als Grundlage für die bisher nicht existierende Diskussion in Tschechien über die Terminologie der persönlichen Quellen dienen, die in einem großen Maß von der traditionellen Anwendung des vieldeutigen Wortes paměti (Memoiren) erschwert wird. Gleichzeitig wird dieses Werk eine nutzbare Grundlage für eine theoretische Diskussion über die Möglichkeiten dieser Quellen für eine historisch-anthropologische Forschung des Adelsalltags, der verschiedenen zeitlichen Machtstrukturen im damaligen politischen System, des Erlebens der Kriegsereignisse, aber auch für die Beantwortung von Fragen, die mit dem Denken der adeligen (und nur selten der nicht nobilitierten) Mitglieder in der frühneuzeitlichen Gesellschaft zusammenhängen (Bsp.: Wahrnehmung der Ehre und der Familiennobilität).

Wenn im Fall des hohen Adels schon manche persönliche Quellen beschrieben, ediert und interpretiert wurden, ist die Situation bei den an den Adelshöfen tätigen Adeligen und Nichtadeligen wesentlich anders. Die einzigen Ausnahmen stellen hier eine nicht zu umfassende Autobiographie in Versen des Rosenberger Regenten Jakob Krčín von Jelčany aus der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts und 1559 ein kurzes Tagebuch des Pagen Vratislav von Pernstein dar. Der bisher einzige Obrigkeitsbeamte in dem böhmischen und mährischen Raum, der nach dem Weißen Berg eine Autobiographie verfasste, war Johann Nikodemus Mařan (Marzan) Bohdanecký von Hodkov. Seine Autobiographie, deren Original nicht erhalten ist und dem Forscher nur in der Übertragung wahrscheinlich aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts zur Verfügung steht, teilte er in zwei Teile. In dem ersten, kürzeren Teil mit dem Namen Paměť první (Memoire Eins) spricht in der Ich-Form sein Vater Georg Mařan Bohdanecký. Erst in dem zweiten Teil Paměť druhá (Memoire Zwei) spricht dann Johann Nikodemus. Es besteht aber kein Zweifel daran, dass die Schlussredaktion beider Teile das Werk von Johann Nikodemus ist.

Die beiden Haupthelden der Mařan-Autobiographie, Georg und sein Sohn Johann Nikodemus, gehörten mit ihren Lebensschicksalen und ihrer Karriere zu der Nach-dem-Weißen-Berg-Bürokratie. Georg, der Sohn von Johann dem Älteren Mařan Bohdanecký und seiner zweiten Ehefrau Agnes, Tochter des Brüner Rats Mathias Schwarzl, wurde am 10. März 1603 geboren. 1617 kam er nach Jindřichův Hradec (Neuhaus), wo er zum Pagen (dem jüngeren Höfling) am Hof von Wilhelm Slawata von Chlum und Košumberk und seinen heranwachsenden Söhnen wurde. Ende der 1620er gelang es ihm, in den niederen Rang der Landesämter in Prag vorzudringen, und seine Karriere spielte sich zwischen der böhmischen Kammer und dem Obersteueramt ab. In der Mitte der 1630er war er für eine kurze Zeit im Dienst von Adam Paul tätig, dem ältesten Sohn von Wilhelm Slawata, und obwohl er ihn schon nach einem Jahr verließ und zurück nach Prag ging, wurde er Adam Pauls langzeitiger Klient. Im Dezember 1639 wurde Georg Mařan Bohdanecký in den niederen Adel aufgenomen. Die Dienste der böhmischen Kammer und des Obersteueramts verließ er vor 1655, als er die Entscheidung traf, sich der eigenen Wirtschaft in den gekauften Gütern in Böhmen zu widmen. Danach wurde er aber wiederum zum Angestellten der böhmischen Kammer als Hauptmann einer der Kammerherrschaften in Mittelböhmen. 1659-1661 war er als Beamter bei Wenzel Eusebius von Lobkowitz tätig. Nach der Beendigung seiner Dienste wurde er wieder zum Hauptmann der Herrschaft der böhmischen Kammer. 1666 verließ er die böhmische Kammer und zwei Jahre später starb er in Prag.

Der einzige Sohn von Georg Mařan Bohdanecký, der die Mündigkeit erreichte, war Johann Nikodemus. Er wurde am 24. Februar 1637 in Slawatas Jindřichův Hradec geboren, woraus die Familie seiner Mutter stammte. Auch die Karriere von Johann Nikodemus verließ nicht die bürokratische Umgebung, aber im Vergleich zum Lebenslauf seines Vaters wurde sie ausschließlich mit der Familie Slawata von Chlum und Košumberk verbunden. Im 16. Lebensjahr kam er an den Hof von Johann Georg Joachim Slawata, an dessen Kavaliersreise nach Südeuropa er teilnahm und die Jahre 1656-1659 verbrachte er in seiner Begleitung in Wien am Kaiserhof. In Slawata-Diensten blieb Johann Nikodemus auch nach der Eheschließung mit der österreichischen Adeligen Maxmiliana Payersberg von Payesberg, die im Oktober 1659 stattfand. Statt weiter den persönlichen Dienern des künftigen Dominiumsbesitzers anzugehören, begann Jan Nikodemus seine Karriere als Verwalter der Slawata-Landgütter. Als Zweiundzwanzigjähriger trat er die Stelle eines Gutsverwalters in Kardašova Řečice an. 1665 kam er von dort aus in die Hauptresidenz Jindřichův Hradec, wo er als Bierschreiber (1665-1668) und Rentschreiber (1668-1671) tätig war. Bei einer umfangreichen Mutation der Oberbeamten 1671 wurde der damals vierunddreißigjährige Johann Nikodemus Mařan Bohdanecký zum Hauptmann der südmährischen Herrschaft Telč (Teltsch), mit der er sein übriges Leben verband (auch trotz zweier Versuche, den Slawata-Dienst zu verlasen). Mitte März 1678 wurde Johann Nikodemus von Leopold I. der "pravý" (richtige) Ritterstand bestätigt, worum er sich einige Jahre bemüht hatte. Mit diesem Schritt brachte er seine Familie, allerdings für nicht einmal fünfzig Jahre unter die altertümlichen edlen Einwohner der böhmischen Länder nach dem Weißen Berg; seinen Tod (Johann Nikodemus starb 1690) überlebte nämlich nur ein Sohn, Johann Karl Bernhard, der 1727 kinderlos starb.

Die Mařan-Autobiographie beinhaltet die Ereignisse der Jahren 1464-1689; sie beginnt mit dem Bericht über das Privileg, mit dem der böhmische König Georg von Poděbrady Bohuchval Mařan Bohdanecký in den Ritterstand erhoben haben soll. Die letzte Anmerkung widmet sich dem Tod von Johann Georg Joachim Slawata. Die meisten Anmerkungen konzentrieren sich aber auf die Jahre 1678-1689.

Die Seiten der edierten Autobiographie beinhalten die Informationen von verschiedenem Charakter. Der Grund, warum Johann Nikodemus sie zu schreiben begann, hing zweifellos in der Bemühung um die Erfüllung eines der Teile von dem Nachdenken der frühneuzeitlichen Adeligen zusammen, und das war die Beweisung der Nobilitätskontinuität der eigenen Familie. Bei der Betrachtung der Entwicklung der Standesangehörigkeit der Mařans Bohdanecký von Hodkov sind drei wichtige Momente im Text der Autobiographie zu finden. Es geht um die Majestäten von Georg von Poděbrady im September 1464, von Ferdinand III. im Dezember 1639 und von Leopold I. im März 1678. Um nachvollziehen zu können, wie Georg und Johann Nikodemus die Nobilität einschätzten, muss man erwähnen, dass der Familienname die Mařans Bohdanecký mit der ursprünglich mittelalterlichen Ritterfamilie Bohdanecký von Hodkov verband. Ihre ältesten bekannten Mitglieder stammten aus Anfang des 14. Jahrhunderts, wobei das Geschlecht in der männlichen Linie 1620 ausstarb.

In der Bemühung von Georg und Johann Nikodemus um den Kontinuitätsnachweis der Familiennobilität kann man zwei Richtungen unterscheiden. Die erste ist mit Georg Mařan Bohdanecký verbunden. Gerade bei ihm sind die Anfänge der Idee über die Verwandtschaft der beiden erwähnten Familien zu finden. Von Bohdaneckýs von Hodkov erfuhr er wahrscheinlich am Ende der 1620er und in den 1630er, als er sich in der böhmischen Kammer oder als Beamter des Obersteueramts mit ihren Urkunden oder anderen Schriften bekannt machte. Da in den 1630er kein männlicher Vertreter der Familie mehr lebte, traf Georg die Entscheidung, die Ähnlichkeit der Familiennamen zur Konstruktion der Fiktion über die gegenseitige Beziehung der beiden Familien auszunutzen, über deren Charakter man aber wegen des Fehlens von Quellen nichts Näheres sagen kann. Er wählte einen eher vorsichtigen Weg und bemühte sich um die Verbesserung des bisher benutzten Familienwappen mit der durchgeschossenen Schleie um das Wappenzeichen Bohdaneckýs von Hodkov, bei dem es sich um die goldene Schranke handelte. Das Ergebnis seiner Bemühung war die Urkunde Ferdinands III., der im Dezember 1693 Georg Mařan Bohdanecký unter die Nach-dem-Weißen-Berg-Edelmänner erhob und mit dem erwähnten Zeichen das bisherige Mařan-Wappen verbesserte. Er erteilte ihm aber nicht das Recht, das Prädikat seinem Namen anzuhängen. Während in der Urkunde Ferdinand III. die bürgerliche Abstammung von Mařans Bohdanecký auf keine Weise verborgen wurde, meldete sich Mařan schon mit dem neuen Wappenzeichen zum Vermächtnis der ausgestorbenen Familie Bohdanecký von Hodkov. Als Ausdruck dieser Fiktion gestaltete er die Fassade des Mařans Hauses in der Prager Altstadt, das er in den 1640er begann, "U zlatého šraňku" ("Zur goldenen Schranke") zu nennen. Dieses Zeichen, das seine Beziehung zu einem altertümlichen böhmischen Rittergeschlecht führen sollte, platzierte er an die Stirnseite.

Abweichend von Georg Mařan Bohdanecký in den 1640er dachte über die Familiennobilität vierzig Jahre später sein Sohn Johann Nikodemus. Der Slawata-Beamte akzeptierte nicht die Idee der Familie als ursprünglich bürgerlich, dann im einfachen Edelsstand und schließlich als ritterliche, die eine unklare Beziehung zu einer alten Ritterfamilie hatte, deren Echo nur der gleiche Familienname und das Wappen waren. Seiner Vorstellung nach, die in die Schlussredaktion der Mařan-Autobiographie inkorporiert wurde und die auch (mit einem Unterschied) in der Urkunde Leopolds I. aus dem Jahre 1678 bestätigt wurde, waren die Mařans Bohdanecký mit dem altertümlichen Rittergeschlecht Bohdanecký von Hodkov verwandt und in den Ritterstand schon 1464 von Georg von Poděbrady erhoben. Da in den 1630er das Privileg von Georg von Poděbrady während des Dreißigjährigen Kriegs angeblich verloren gegangen war, bekam Georg Mařan Bohdanecký im Dezember 1639 von Ferdinand III. eine neue Urkunde, in der er die Familienangehörigkeit zum niederen Adel bestätigte. Die Berechtigung der Argumente über die Altertümlichkeit der eigener Familie und über die Verwandtschaft mit einem anderen altertümlichen Geschlecht bestätigte Leopold I. in der Nobilitierungsurkunde aus dem März 1678, die vier Jahre später in die Landestafeln eingetragen wurde und mit der Johann Nikodemus das Prädikatrecht gewann. Ihr Inhalt gleicht den Vorstellungen von Johann Nikodemus, die in der Autobiographie beschrieben sind, und so wurden diese Ideen legitimiert. Leopolds Urkunde war deshalb nicht nur eine Bestätigung des Privilegs aus dem Jahre 1639, sondern sie änderte auch radikal die Vergangenheit der Standesangehörigkeit von Mařans Bohdanecký. Die Urkunde galt als Beweis, dass die Nobilität Mařans Bohdanecký einige Generationen lang dauerte, und gleichzeitig stellte sie einen persönlichen Beitrag von Johann Nikodemus zur Kontinuität der Familiennobilität dar.

Neben der Bemühung um den Nachweis der Nobilitätskontinuität der Familie ist die Mařan-Autobiographie auch Ausdruck der Bemühung von Johann Nikodemus um die Lebensrolle eines treuen und fähigen Dieners von Ferdinand Wilhelm und Johann Georg Joachim Slawata. Statt über die Erfüllung der Alltagspflichten schrieb er ausschließlich über solche Ereignisse, bei denen er seine Qualitäten zeigte und die Arbeit leistete, die die erwähnten Routine-Aufgaben überschritten. In allen Fällen ging es um solche Taten, die einen Nutzen für die Obrigkeit darstellten und gleichzeitig die außerordentlichen Fähigkeiten des Hauptmanns bewiesen. Die Herausstellung der eigenen guten Seiten, die für frühneuzeitliche persönliche autobiographischen Quellen charakteristisch ist, wurde im Fall von Johann Nikodemus am häufigsten durch die Betonung der Erfolge bei der Herrschaftsverwaltung zum Ausdruck gebracht (Einkäufe der Güter und Vergrößerung der Herrschaft, Pflege um die Soldaten aus Südosten der Monarchie, die in der Herrschaft überwinterten, Verteidigung gegen die Pest 1679/1680). Mittels der gewissenhaften Durchführung seiner Pflichten und anderer Dienste in den Jahren 1671-1690 als Hauptmann in Telč konstruierte er das erwartete Bild eines treuen und gewissenhaften Obrigkeitsbeamten. Gleichzeitig arbeitete er an der Ehraufwertung der Familie Mařan Bohdanecký. Das Wort Ehre brachte im Rahmen der Mařan-Autobiographie die Belohnung für einen geleisteten außerordentlichen Dienst zum Ausdruck, bei dem seine Fähigkeiten von einer gesellschaftlich höher stehenden Person geschätzt wurden. Das Maß der erreichten Ehre hing von der Dienstsorte und von dem Prestige ab, die jene Person in der damaligen Standesgesellschaft hatte.

Ein Teil des konstruierten Bildes eines treuen Dieners stellte auch die Teilnahme am öffentlichen Leben der Herrschaft dar, deren Verwaltung ihm unterstellt wurde. In der Mařan-Autobiographie geht es vor allem um die religiösen Aspekte. Das Bild eines guten Katholiken zeichnete Johann Nikodemus Mařan Bohdanecký von Hodkov mit vier Berichtsformen. Zu ihnen gehörten Besuche der Maria-Wahlfahrtsorten. Als ein gläubiger Christ und gleichzeitig Mäzen zeigte sich Johann Nikodemus bei der Gründung einer kleinen Joachimskirche über Dobrá Voda in der Nähe von Telč, die als Denkmal an die irdischen Täten des Hauptmanns in der Telčer Verwaltung dienen sollte und so bei seiner Verewigung im Bewußtsein der Einwohner und deren Nachkommen helfen sollte. Gleichzeitig sollte diese Kirche ein Beitrag zum guten Ruf der Herrschaft über ihre Grenzen hinaus und so auch der Familie Slawata werden. Als Hauptmann der Herrschaft repräsentierte Johann Nikodemus auch die Obrigkeit bei den religiösen Festivitäten. Als Musterkatholik stellte sich Johann Nikodemus auch beim Taufen der Juden und der gefangenen Türken in den 1680er dar. In der Autobiographie dürfen natürlich auch nicht die Nachrichten über andere Rituale fehlen, die eine wesentliche Bedeu-tung in dem Lokalmachtsystem hatten und bei denen Johann Nikodem eine prestigeträchtige Rolle spielte (Begrüßung der Obrigkeit, Antritt der Slawata-Beamten in den Amt).

Da Mařans Ehre durch den Kontakt mit den in der Standesgesellschaft höher stehenden Personen gelobt wurde, listet Johann Nikodem auch die Adeligen auf, denen er in Slavonice (Zlabnitz, eine Stadt in der Herrschaft Telč an der Trasse der Postverbindung Wien-Prag) bei der Essentafel diente (Dominik Andreas von Kounice, Ulrich Adolf Vratislav von Sternberg, Herman Jakob Tschernin von Chudenice, Susanne Polyxena Bořitová von Ditrichstein; 1683 auch dem bayrischen Kurfürst Max II. Emanuel). Die Betonung dieser Kontakte stellten die Nachrichten über Gaben dar, die er als Hauptmann für seine Dienste bekam (von Ferdinand August Leopold von Lobkowitz oder Max II. Emanuel).

In der dritten Nachrichtensorte, die in der Autobiographie zu finden ist, versucht Johannn Nikodemus, seine eigene Ansicht über andere Gruppen der damaligen Gesellschaft und auch über seine eigene Position darzustellen. Gemeinsam mit der Aristokratie, der katholischen Kirche und dem Jesuitenorden (im Telčer Kollegium waren bedeutsame böhmische Missionäre tätig) oder den barfüßigen Karmelitern (mit diesem Orden verband ihn die Person von Johann Karl Joachim Slawata, in den Jahren 1680-1683 ihr Ordensgeneral) widmete er seine Aufmerksamkeit dem niederen und neu nobilitierten hohen Adeligen, der in der Umgebung seine Güter besaß - bis zur Mitte der 70er ergänzten diesen manche einfache Adelige aus Jindřichův Hradec und die Slawata-Oberbeamten. Gerade das war die Gruppe, zu der Johann Nikodemus neigte und in die er sich selbst einordnete. Unter ihren Mitgliedern sah er seinen gesellschaftlichen Platz und knüpfte mit ihnen verschiedene soziale Kontakte. Das bewies in der Sprache der frühneuzeitlichen Schriften der Begriff Freundschaft; die sich in den Achsen der Blutverwandtschaft und auch der nichtblutverwandtschaftlichen Beziehungen entwickelte. Zu denen gehörten sowohl verwandtschaftliche (Patenschaft, Schwiegerschaft) als auch nicht-verwandtschaftliche Beziehungen. Diese werden in der Mařan-Autobiographie durch die Begriffe Nachbar, Bruder oder Patron zum Ausdruck gebracht. Johann Nikodemus erwähnte sie am häufigsten im Zusammenhang mit ihrem jeweiligen Tod.

Eine Beziehung, die in der Autobiographie als Freundschaft bezeichnet wird, verband Johann Nikodemus (seinen eigenen Worten nach) nach und nach mit vierzehn Personen. Während und vor der Mitte der 70er Jahre des 17. Jahrhunderts handelte es sich um die Bürger von Jindřichův Hradec und Slawata-Beamten, danach begann Mařan, als seine Freunde nur die gestorbenen Angehörigen des niederen Adels aus der Telčer Umgebung und eher ausnahmensweise auch die bedeutsamen Mitglieder des Jesuitenorden zu bezeichnen. Es ist zu vermuten, dass diese Veränderung mit der Veränderung in der Wahrnehmung der Nobilität zusammenhing. Dass die Bemühung um die Erteilung des Privilegs für Johann Nikodemus von großer Bedeutung war, zeigt sich auch darin, dass er seine beiden aristokratischen Fürsprecher (Ulrich Adolf Vratislav von Sternberg, Humprecht Johann Tschernin von Chudenice) als seine Patrone bezeichnet. Von den niederen Adeligen, mit denen er durch eine erwähnte Freundschaft verbunden war, bezeichnet Johann Nikodemus zwei (Wenzel Franz Lipovský von Lipovice, Franz Albrecht Hložek von Žampach) als seine Brüder; die Bruderschaft bezeichnete in der Mařan-Autobiographie eine tiefere und mithin die intimste unter den unformellen nichtverwandtschaftlichen Beziehungen.

Die Betonung des guten Namens seiner Person und auch der Mařan-Familie und gleichzeitig die Bedeutung seiner Position in dem Lokalmachtsystem wurde auch im Falle der Patenschaft zum Ausdruck gebracht. Die Paten seiner Kinder begann Johann Nikodemus erst seit der Mitte der 60er Jahre in seine Autobiographie zu nennen. Wenn man die Erwähnung der Namen von Paten in den persönlichen Quellen als Bemühung des Schreibers um den Ausdruck seiner sozialen Stellung interpretieren kann, kam es in Mařans Denkweise zu einer Verschiebung von einer kurzen Notiz über das Taufen der geborenen Kinder (also über den liturgische Kern des Rituals) zum Namensnennung von Personen, die als Paten auftraten (also zur Betonung der sozialen Bedeutung). Über seine eigene Teilnahme an Taufen als Pate hinterließ Johann Nikodemus hingegen nur drei Zeugnisse. Aufgrund der erhaltenen Matrikel aus Telč wissen wir jedoch, dass er das wesentlich häufiger tat; Pate von Kindern der bürgerlichen Familien in Telč wurde er dabei nur in den ersten drei Jahren seines Hauptmannsamtes (1671-1673). Für den Rest seines Lebens lehnte es solche Anträge ab.

Das Niveau der untertänigen Städte und des Slawata-Hofs, wo er lange Jahre tätig war, scheinen in der Autobiographie von Johann Nikodemus auch bei anderen Gelegenheiten zu ignorieren. Dies hängt mit Mařans Verständnis von Nobilität und Ehre zusammen. Eine untertänige Stadt war für ihn kein Ort, wo er seine Ehre erwerben konnte; gleichzeitig spielte hier auch seine Vorstellung seiner eigenen gesellschaflichen übergeordnetn Stellung eine Rolle, die durch die Alter-tümlichkeit und Nobilität der Familie zum Ausdruck gebracht wurde. Die zweite mögliche Ursache der negativen Einschätzung der Stadtgesellschaft könnte in der Bedeutung von Verwandtschaft in der Lokalmacht bestehen. Die Geringschätzung Telčs durch Johann Nikodemus basierte darauf, dass er mit ihm durch keine verwandtschaftliche Beziehungen verbunden war. Diese Situation reflektierte weiter die Tatsache, dass in Telč manche seiner untergeordneten Beamten ihr Hinterland hatten, also im Gegensatz zum Hauptmann eine andere Machtgruppe bildeten, die das Gewicht seiner Position in dem Lokalmachtsystem der Herrschaft gefährdete.

Die Autobiographie von Johann Nikodemus Mařan Bohdanecký von Hodkov wurde als Lehre konstruiert, als Ausdruck von Lebensansichten und Prinzipien, die seinen Nachkommen als Muster dienen sollte. Jedem Leser brachte sie viele Hinweise, durch die die Erinnerung an die edle und altertümliche ritterliche Familie Mařan Bohdanecký von Hodkov im historischen Gedächtnis erhalten sollte. Gleichzeitig stellte sie den persönlichen Beitrag von Johann Nikodemus zur Kontinuität der Familiennobilität dar. Es ging um Ausdruck seiner eigenen Sonderstellung, zu deren Zügen die Karriere im Dienst einer aristokratischen Familie, unformelle freundschaftliche Beziehungen zu den adeligen Einwohnern des Königreichs und die erreichte persönliche Ehre und Nobilität seiner Familie gehörten. Es war gerade er, der mithilfe bedeutsame Patrone die Urkunde bekam, in der ihm Leopold I. die Angehörigkeit zum "richtigen" ritterlichen Standt bestätigte. Gleichzeitig wurde die Realität der fiktiven Verwandtschaft Mařans Bohdanecký mit dem mittelalterlichen Geschlecht Bohdanecký von Hodkov und auch die mehr als vier Generationen dauernde Angehörigkeit zu den edlen Einwohnern des Königreichs als legitim dargestellt. Weiter beinhaltet die von ihm verfasste Autobiographie reiche Zeugnisse über solchen Ereignisse und gesellschaftliche Kontakte, die Mařans Nachkommen die außerordentlichen Eigenschaften, Verdienste und Erfolge von Johann Nikodemus zeigen sollten, mit denen er in die von den Generationen zu füllende Schatzkammer der Familienehre beitrug.