Zusammenfassung

JOSEF GRULICH

Die demographische Entwicklung und der Lebenszyklus der Dorfbewohner (Südböhmen, 16.-18. Jahrhundert)

 

Die demographische Entwicklung Südböhmens lässt sich anhand der kirchlichen Matrikelbücher studieren, die detaillierte Informationen über Natalität, Eheschließung und Mortalität und damit über zentrale Einschnitte im Leben eines jeden Menschen (Geburt, Ehe, Tod) liefern. Ergänzende Angaben für die Rekonstruktion des Lebenszyklus der Individuen und für die Analyse der allgemeinen sozialen und ökonomischen Verhältnisse lassen sich aus zeitgenössischen Verzeichnissen von Untertanen, Waisen o.ä. sowie aus zivilrechtlichen Quellen wie Grundbücher, Testamente oder Eheverträge entnehmen. Die Lebensgeschichten der einzelnen Individuen spiegeln sich in den Waisen- und Mannschaftsbüchern wieder, während die Grundbücher Veränderungen in den Besitzverhältnissen belegen. Normative Quellen helfen dabei, die Diskrepanz zwischen dem Ideal und dem realen Leben zu klären. Veränderungen der Einwohnerzahl und der demographischen Entwicklung zeigen sich in Beichtverzeichnissen. Das Verzeichnis der Untertanen nach dem Glauben 1651 ermöglicht wiederum Familien- und Haushaltsstrukturen zu erforschen.

Die numerische Auszählung der Matrikelangaben war der Ausgangspunkt für die quantitative Analyse. Für den Untersuchungszeitraum wurden statistische Angaben aus 24 Pfarrsprengeln ausgewertet (242 051 Geburten, 50 827 Ehen, 167 410 Todesfälle), die es ermöglichten, eine Grundcharakteristik der demographischen Entwicklung Südböhmens im 17.-18. Jahrhundert zu gewinnen. Die Lebenszyklen der Untertanen wurden sowohl für Städte (Prachatice 1585) als auch für Dörfer (Herrschaften Třeboň 1586, Libějovice 1607 und Chýnov 1651) untersucht. Auf Grund von lokal unterschiedlichen naturräumlichen und ökonomischen Hintergründen wurde die Ökotypen-Theorie angewendet, welche die regionalen Unterschiede im Charakter der demographischen und sozialen Strukturen und die gegenseitige Bedingtheit der sozialen und ökonomischen Entwicklung zu erfassen hilft.

Eine mikrohistorische Untersuchung wurde am Beispiel des zur Herrschaft Chýnov gehörigen Gerichtsbezirks Vřesce durchgeführt. Wegen des Umfangs der Quellenlage ließ sich dies nicht für alle ausgewählten Herrschaften und Pfarrsprengel realisieren. Die mikrohistorische Studie trug zu einer tieferen Analyse der Lebensbedingungen der Untertanen bei. Die Kombination von quantitativen Methoden, historischer Demographie, der Alltagsgeschichte und historischer Anthropologie ermöglichte eine präzisere Ermittlung der persönlichen, familialen, beruflichen und kollektiven Strategien, die die Angehörigen einzelner sozialer Schichten der Dorfgemeinschaft im 17. und 18. Jahrhundert einsetzten.

Im Zusammenhang mit der demographischen Entwicklung während der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts werden oft die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges (entweder direkt durch Militäroperationen oder als Folge verschiedener Epidemien) überschätzt. Da die Angaben der Matrikelbücher in der erforschten Epoche lückenhaft sind, wurde diese Annahme mit Hilfe einer Analyse von Untertanenverzeichnissen hinsichtlich der Geschlechts- und Altersstruktur der Bevölkerung überprüft. Die durchgeführten Forschungen zeigten, dass die südböhmische Bevölkerung sowohl vor als auch nach dem Dreißigjährigen Krieg eine ähnliche Struktur aufwies. Der Beginn der Stagnation beziehungsweise des Rückgangs der Bevölkerungszahl in Südböhmen ist nämlich bereits in den Pestepidemien zu Ende des letzten Drittels des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts anzusetzen. Direkte militärische Operationen oder der Durchzug der Heere im Dreißigjährigen Krieg vertieften nur eine bereits früher bestehende Situation.

Die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts war durch einen Anstieg der Bevölkerungszahl, die erst allmählich wieder den Vorkriegsstand erreichte, charakterisiert. Im Rahmen des alten demographischen Regimes lässt sich eine erhöhte Natalität und Eheschließung in Verbindung mit einer gesunkenen Mortalität belegen. Eine hohe Mortalität gab es nur im Falle der Kinder- und Säuglingssterblichkeit, die aber wegen der hohen Kinderzahl der Frauen die generelle Steigerung der Einwohnerzahl nicht bedrohen konnte. Nicht einmal die Pestepidemie 1679-1680 konnte die langfristige demographische Entwicklung ernsthaft gefährden, sie beeinflusste nur vorübergehend die Prosperität einiger südböhmischer Städte. Eine Unterbrechung des Anstiegs der Bevölkerungszahl nach dem Dreißigjährigen Krieg wird gewöhnlich mit den Jahren 1700 und 1713-1714 in Zusammenhang gebracht. In Südböhmen traf dies aber in keiner dieser Phasen zu. An die Zeit der Pestepidemie 1713-1714 erinnern zahlreiche Pestsäulen, aber die Angaben der Matrikel belegen nur eine geringe Zahl an Todesopfern. In den erforschten Pfarrsprengel zeigte sich zwar eine erhöhte Mortalität, diese erreichte aber nie das Niveau einer Mortalitätskrise. Man kann diese auf keinen Fall als Bruch in der südböhmischen Populationsentwicklung bezeichnen.

Zu einer ernsthafteren Störung der langfristigen demographischen Entwicklung kam es erst in Folge der späteren Hungersnöte (1719-1721, 1740-1743), deren Ausbruch mit der ökonomischen Entwicklung des Landes zusammenhing. Die Dreifelderwirtschaft in der landwirtschaftlichen Produktion hing direkt von der Gunst des Wetters ab. In Folge mehrerer Missernten kam es zu einem Mangel an Nahrungsmitteln, einer Hungerkrise und damit zu einer Abnahme der Bevölkerung. Während der erwähnten Hungersnöte war die Zahl der Todesopfer wesentlich höher als in Folge der beiden früheren Pestepidemien (1679-1680, 1713-1714). Nicht die Pestepidemien und die Kriegsereignisse, sondern eine ineffektive, von Missernten und Mangel an Lebensmitteln geprägte Wirtschaft wurde zum ernsthaften Hindernis für die demographische Entwicklung Südböhmens.

Die vorübergehende Stagnation der Populationsentwicklung, die sich während der 1720er und 1740er Jahre in den meisten erforschten Pfarrsprengeln zeigte, hatte aber keine dauerhaften Folgen. Ähnlich wie bei lokalen Mortalitätskrisen wechselte sie sich ab mit Zeiten einer erhöhten Natalität und einer gesunkenen Mortalität, weshalb sich die Bevölkerungsvermehrung in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts verlangsamte, ohne jedoch abzubrechen. Während sich nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs die meisten Obrigkeiten zunächst für eine rasche Erhöhung der Anzahl der Untertanen - einer wichtigen Arbeitskraft - interessierten, änderte sich dies schon in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts grundlegend. Als alle verlassenen oder im Krieg zerstörten Liegenschaften wieder mit Untertanen besetzt waren, wurden Verordnungen erlassen, die Eheschließungen von Personen ohne Vermögen zu beschränken.

Obwohl seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts lokale Störungen der demographischen Entwicklung immer häufiger wurden, schlug die demogra-phische Entwicklung nie in eine dauerhafte Abnahme der Bevölkerung um. Durch wiederholten Missernten (1770-1771) wurde die natürliche Reproduktion der Bevölkerung in ganz Südböhmen vorübergehend gestoppt. Es handelte sich hier um die bisher größte Mortalitätskrise in Südböhmen. Im Unterschied zu den Pestepidemien im letzten Drittel des 16. und am Anfang des 17. Jahrhunderts brachte die erwähnte Zeit der Hungersnot jedoch keine langfristige Störung der natürlichen Reproduktion mit sich. Die Zeit zwischen der Mitte des 17. und dem Ende des 18. Jahrhunderts ist durch eine allmähliche Steigerung der südböhmischen Population charakterisiert.

Hauptträger des Bevölkerungswachstums waren aber nicht die Städte, sondern die Dorfregionen mit agrarischem Hintergrund, die in Südböhmen in der Mehrzahl waren. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts verlief die Bevölkerungsentwicklung örtlich isoliert, abhängig nur von den lokalen Bedingungen. Während die natürliche Reproduktion in den Orten nahe der Hauptverkehrswege durch Heereszüge und häufigere Mortalitätskrisen beeinflusst wurde, war die Isolation der Dörfer ein natürlicher Schutz vor negativen äußeren Einflüssen. Erst die großen Hungersnöte des 18. Jahrhunderts waren von überregionaler Bedeutung. Man kann allgemein vermuten, dass die städtischen Siedlungen für Störungen der Bevölkerungsentwicklung wesentlich anfälliger waren als die dörflichen. Diese Tatsache hing mit der erhöhten Konzentration der Bewohner in den einzelnen Städten und ihren häufigeren und intensiveren überregionalen Kontakten zusammen.

Die demographische Entwicklung Südböhmens wies auch einen starken saisonalen Charakter auf. Die höchste Zahl an Neugeborenen, die immer zu Jahresbeginn festzustellen ist, entspricht einem erhöhten Maß der Konzeptionen während der Frühlingsmonate. Wegen der regionalen klimatischen und ernährungsspezifischen Bedingungen ist es begreiflich, dass die wenigsten Kinder in den ersten drei Monaten des Jahres gezeugt wurden, woraus eine geringere Natalität im letzen Vierteljahr resultierte. Zu diesem regelmäßigen Rückgang der Konzeptionen kam es also nicht in Folge einer regulierten Beschränkung der Empfängnisse, sondern unter dem Einfluss der klimatischen Bedingungen und eines Mangels an Lebensmitteln.

Eine weitere Phase mit einem Minimum an Konzeptionen hing mit der erhöhten Arbeitsbelastung der Dorfbewohner zusammen. Eine im Vergleich mit dem jährlichen Durchschnitt geringe Anzahl an Konzeptionen ist für den September signifikant festzustellen: In dieser Zeit erreichte die Belastung durch Feldarbeiten regelmäßig ihren Höhepunkt. Dieser Einfluss ist hauptsächlich für die Dörfer und Städte mit agrarischem Hintergrund nachweisbar. Gleichzeitig lässt sich belegen, dass man sowohl in den Stadt- als auch in den Dorfgemeinden nur im begrenzten Maß den kirchlichen Empfehlungen einer sexuellen Zurückhaltung in der Advent- und Fastenzeit Folge leistete.

Nicht nur hinsichtlich der Natalität, sondern auch bei den Todesfällen variierten die monatlichen Zahlen. Eine saisonal ganz unterschiedliche Intensität der Mortalität kann man während der Mortalitätskrisen beobachten, als die natürliche Reproduktion gestört war und atypisch verlief. Ansteckende Krankheiten, vor allem die Pest, verbreiteten sich am leichtesten während der warmen Sommermonate, im Herbst hatten sie ihren Höhepunkt, um im Winter wieder abzuklingen. Dagegen war für die Epochen der Hungersnöte, die im 18. Jahrhundert wesentlich häufiger als die Pest oder andere ansteckenden Krankheiten waren, eine erhöhte Mortalität in Folge des Mangels an Lebensmittel im Winter und Frühling charakteristisch.

Neben den spezifischen Mortalitätskrisen erreichte die Mortalität ihren Höhepunkt üblicherweise immer im März und April jeden Jahres. Ziemlich regel-mäßig erscheinen die meisten Todesfälle in den Winter- und Frühlingsmonaten, von Dezember bis Mai. Ebenso wie bei der Natalität kann man auch hier einen Einfluss klimatischer und ernährungsspezifischer Bedingungen belegen. Aufgrund der langfristigen Beobachtung ist ein allmähliches Verschwinden der jeweiligen Unterschiede in der Häufigkeit der Todesfälle während der ersten und zweiten Hälfte des Jahres nachweisbar. Die jahreszeitlich bedingte Mortalität erscheint bei den dörflichen und städtischen Siedlungsorten ähnlich. Im Unterschied zur Natalität erwies sich die Mortalität als von der Ökotypen-Theorie völlig unabhängig.

Während die jahreszeitlich bedingte Zahl der Geburten und Todesfällen meistens mit den regionalen klimatischen und ernährungsspezifischen Bedin-gungen zusammenhing, unterlag der Verlauf der Eheschließungen in Südböhmen im 18. Jahrhundert ganz eindeutig dem Einfluss der römisch-katholischen Kirche. Die Hochzeit war nicht nur ein bedeutsames kirchliches Sakrament, sondern auch eine Gelegenheit zu einem mit Heiterkeit verbundenen Festmahl. Das war aber während der vier Wochen Adventszeit vor Weihnachten und der sechs Wochen Fastenzeit vor Ostern undenkbar. Da in dieser Zeit kein Vergnügen erlaubt war, lassen sich große saisonale Unterschiede in der Zahl der Eheschließungen belegen.

Wegen der bevorstehenden Adventszeit, in Dorfgemeinden vielleicht auch wegen des Endes der Feldarbeiten und der Verfügbarkeit von Lebensmitteln, ist die höchste Zahl an Eheschließungen immer im November zu beobachten. An zweiter Stelle folgte sowohl in der Stadt als auch in den Dörfern der Februar als Monat der Eheschließung. Dagegen wiesen wegen der erwähnten kirchlichen Vorschriften die Monate Dezember, März und April die niedrigste Anzahl an Hochzeiten auf. Der Hochzeitstermin unterlag, wenn nicht von der Schwangerschaft der Verlobten erzwungen, grundsätzlich doch eher den kirchlichen Vorschriften als dem Verlauf der saisonalen Feldarbeiten und ihrer Ergebnisse

Die Taufe war ebenfalls nicht nur ein bedeutsames kirchlichen Sakrament, sondern auch eine Gelegenheit zur Veranstaltung einer Familienfeier, die der sozialen Repräsentation der Eltern und der Paten diente. Auch wenn der Taufritus, der nur in der Kirche stattfinden durfte, einem festen Verlauf folgte, unterschieden sich die persönlichen Motive der Teilnehmer oft von den kirchlichen Vorstellungen. Die Auswahl des Paten richtete sich nämlich meistens nicht nach dem Ideal eines vorbildlich frommen Menschen, sondern danach, ob sich im Falle des Todes der Eltern die betreffende Person um das Kind kümmern konnte. Eine bedeutende Rolle spielte aber auch das Patengeschenk. Das Motiv der materiellen Absicherung des Neugeborenen für den Fall des Verlustes der Eltern war also stärker als das der Erziehung durch einen frommen Katholiken.

Im Unterschied zum aus der Literatur bekannten Bild von Paten und Patenschaft muss erwähnt werden, dass es sich nicht immer um Personen handeln musste, die zu den Eliten der Dorfgesellschaft gehörten. Ebenso wie bei der Hochzeit konnten diese Rolle nämlich auch persönliche Freunde oder Verwandte der Hauptakteure übernehmen. In der Zeit nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs lässt sich nicht von einer Dorfgesellschaft sprechen, die in voneinander völlig abgeschlossenen sozialen Schichten differenziert gewesen wäre. Nicht nur traten Bauern als Paten in Chalupner- oder Inwohnerfamilien auf, es war dies auch während der Frühen Neuzeit keineswegs selten.

Bei der Auswahl des Vornamens des Täuflings entschied meistens nicht der Name des Paten oder der Eltern, sondern die allgemeine Popularität eines Namens, was sich auch in einem sehr begrenzten Reservoir an Männer- und Frauennamen zeigt. Die Auswahl richtete sich nicht nach dem Namen des Heiligen am Geburtstag oder Tauftag des Kindes. Wegen der hohen Säuglingssterblichkeit sollte jede Taufe möglichst schnell nach der Geburt des Kindes stattfinden. Im Widerspruch zu den kirchlichen Verordnungen führte dies dazu, dass Kinder, die in der zweiten Hälfte der Woche zur Welt kamen, am Sonntag getauft wurden, was einen festlicheren Charakter des kirchlichen Ritus und eine höhere Teilnehmerzahl an geladenen Gästen garantierte. Vor allem in abgelegenen Teilen der Pfarrsprengel waren auch Gruppentaufen einer Vielzahl an Neugeborenen nichts Ungewöhnliches. Der Termin des Taufritus wurde häufig von den zeitlichen Möglichkeiten des Pfarrers und der Eltern bestimmt.

Ein entsprechender zeitlicher Abstand zwischen Geburt und Taufe des Kindes war der Vorbereitung eines repräsentativen Festmahls und der Einladung aller wichtigen Teilnehmer dienlich. Eine Taufe unmittelbar nach der Geburt des Kindes fand nur im Falle eines drohenden Todes des Neugeborenen statt. Diese wurde üblicherweise von der Hebamme außerhalb der Kirche durchgeführt, meistens am Ort der Geburt. Uneheliche Kinder wurden unter den gleichen Umständen wie eheliche getauft. Im Pfarrsprengel von Chýnov betrug die Unehelichenrate nur 4,9 % aller Neugeborenen.

Die Kinder aus den Untertanenfamilien lebten gewöhnlich bis zu ihrem 15. Lebensjahr bei ihren Eltern. Nur im Falle von Waisen war es keineswegs unüblich, dass sie noch vor ihrem 10. Lebensjahr in den Gesindedienst traten. Dabei handelte es sich aber meistens nicht um ein wirkliches Gesindeverhältnis, denn sie dienten nur gegen Verpflegung und Unterkunft. Üblicherweise war der Gesindedienst auf die Altersgruppe der 15- bis 24jährigen Personen beschränkt.. Für Kinder aus Inwohner- und Chalupnerfamilien bildete der Dienst in einem fremden Haushalt eine Notwendigkeit, der den Lebensunterhalt garantierte und finanzielle Ersparnisse für die Zukunft ermöglichte.

Nicht alle Jugendlichen durchliefen die Phase des Gesindedienstes. Männliche Nachkommen, die zur Übernahme des Familienerbes bestimmt waren, blieben meistens bis zu ihrer Mündigkeit unter der Aufsicht des Vaters. Der Dienst als Knecht oder Magd war auch bei Kindern aus großen Bauerngütern oft nicht üblich, da auf diesen Höfen die Kinder ein bedeutsames Arbeitspotential darstellten. Bei Bauern übten die Kinder ihrem Alter und ihren physischen Fähigkeiten entsprechend schon von klein auf verschiedenste Arbeiten aus. Solange die Kinder noch nicht in der Familienwirtschaft mithelfen konnten (jünger als 6 Jahre), blieben sie völlig in der Obhut ihrer Mutter. Sobald sie ihre Position in der Familienwirtschaft hatten, übernahm auch der Vater die Aufsicht, dessen Autorität alle Mitglieder des Haushaltes untergeordnet waren.

Aus der Perspektive der frühneuzeitlichen Dorfgesellschaft bildeten die Inwohner eine völlig eigenständige soziale Gruppe. Neben Personen im produktiven Alter gehörten zu ihnen auch die im Ausgedinge lebenden Menschen. Im Verhältnis zum Landwirt hatte diese Gruppe einen bestimmten Grad an persönlicher Autonomie, allerdings fehlte ihnen völlig die ökonomische Unabhängigkeit. Während das Gesinde grundsätzlich ledig war, stellten verheiratete Inwohner keine Ausnahme dar. Oft handelte es sich um Personen, die wegen der üblichen Erbpraxis die Familienwirtschaft nicht übernehmen konnten, und so ihren Lebensunterhalt außerhalb des väterlichen Hofes suchten. In manchen Fällen ging sogar das Gesindeverhältnis direkt in den Inwohnerstatus über. Während das Gesinde jährliche Verträge schloss, hatten die Inwohner langfristige Bindungen zu den Hausbesitzern. Fälle, in denen Geschwister eines Erben zu Inwohnern am väterlichen Gut wurden, sind in Südböhmen kaum zu belegen.

Die Arbeitsmöglichkeiten der Dorf- und Stadtbewohner standen auch mit den Migrationspraktiken in Zusammenhang. Auf dem Lande war es üblich, den Gesindedienst nicht im Wohnort der Eltern, sondern in einem der Nachbardörfer aufzunehmen. Aufgrund der physischen Anforderungen der Feldarbeit wurden die Männer eher in der Untertanenwirtschaft oder am obrigkeitlichen Hof beschäftigt, während die Frauen in Bürgerfamilien dienten. Obwohl beim Dorfgesinde ein jährlicher Stellenwechsel keine Ausnahme war, hielt sich der räumliche Umfang der Gesindemigration in Grenzen.

Das Gesindepersonal diente in einem Nachbardorf oder in obrigkeitlichen Höfen. Es handelte sich meistens um Arbeitsorte in einer Entfernung von etwa 5-10 bzw. 20 Kilometer vom Elternhaus. Berufliche Migrationen spielten sich in der Distanz ab, die man (hin und zurück) während eines Tages schafften konnte. Wanderungen von mehr als 20 Kilometer waren die Ausnahme, die man üblicherweise nur bei Personen aus der Stadt belegen kann, etwa bei im Handel tätigen Personen. Während bei Dorfbewohnern Arbeitsmigrationen innerhalb einer Herrschaft überwogen, war bei Stadtbewohnern auch die Migration über die Grenzen der Herrschaft hinaus keine Seltenheit. Am Einfluss der obrigkeitlichen Normen auf die Migration der Untertanen lässt sich zweifeln, da etwa auch in den Eggenberger und Schwarzenberger Dominien keine erhöhte Migrationstätigkeit festzustellen ist, obwohl diese von der Obrigkeit völlig legitimiert waren (1719). Eine Zunahme der Wanderungen lässt sich in Südböhmen übrigens auch nicht als Folge des Patents von der Auflösung der Leibeigenschaft (1781) beobachten.

Aufgrund des Erlasses des Konzils von Trient (1563) und der Prager Synode (1605) war die Eheschließung völlig unter der Kontrolle der Kirche. Obwohl nach kirchlichem Recht nur der Konsens der Verlobten für eine Heirat entscheidend war, ließ sich eine offizielle Zustimmung seitens der obrigkeitlichen Verwaltung theoretisch nicht umgehen. Nach dem Dreißigjährigen Krieg, als ein großer Mangel an Bevölkerung herrschte, förderte man die Eheschließungen der Untertanen wegen des herrschenden Arbeitskräftemangels. Am Anfang des 18. Jahrhunderts, als die Kriegsverluste überwunden waren, begannen manche Obrigkeiten die Eheschließung von Personen ohne Vermögen (Inwohner) zu behindern. In der Praxis konnten diese aber nur schwer an ihrem gemeinsamen Zusammenleben gehindert werden.

Im 17. und 18. Jahrhundert ist für Südböhmen ein hoher Anteil an verheirateten Personen in der Altersgruppe von 25-29 Jahren zu beobachten. Diese Erkenntnis ist völlig im Einklang mit dem Charakter des alten demographischen Regimes, als ein niedriges Heiratsalter im Untersuchungsraum üblich war. Vor allem bei Dörfern und Marktflecken mit agrarischem Hintergrund war es üblich, dass Frauen (15-19 Jahre) ebenso wie Männer (20-24 Jahre) die Ehe gleich nach dem Ende des Gesindedienstes oder der Übernahme der väterlichen Wirtschaft schlossen. Bewohner von Städten und Marktflecken mit entwickeltem Handwerk und Handel schlossen dagegen ihre Ehen im höheren Alter. Allgemein kann man sagen, dass Frauen sowohl in Städten als auch auf dem Lande immer in einem niedrigeren Alter als Männer heirateten.

Ein späteres Heiratsalter trat dann auf, wenn die Gründung einer Familie mit der Übernahme oder der Schaffung einer bestimmten materiellen Grundlage, welche die Existenz und den Betrieb des Haushaltes sichern konnte, in Verbindung stand. Diese finanziellen Mittel konnte man eher während des Gesindedienstes oder in der Inwohnerschaft gewinnen als aufgrund der Auszahlung des Erbteils. Aufgrund der Jahre im Dienst erhöhte sich ganz natürlich auch das Heiratsalter. Die Eheschließung beruhte nicht nur auf einer emotionalen Verbindung, sondern war häufig auch durch den Vermögensgewinn mittels Heirat mit einer verwitweten Person motiviert. Die Verfolgung von Heiratsstrategien hatte oft die Entstehung von altersungleichen Paaren zur Folge. Bei den meisten geschlossenen Ehen war der Mann ein bis zehn Jahre älter als seine Partnerin. Die neuerliche Eheschließung war bei verwitweten Männern häufiger als bei Frauen.

Die Gewährleistung von Ausstattung und Mitgift gehörte ebenso wie die Veranstaltung der Hochzeitsfeier zu den herkömmlichen Pflichten der Eltern gegenüber ihren Töchtern und Söhnen. Der Hochzeitsritus und das folgende Festmahl fanden gewöhnlich im Wohnort der Braut statt, aber die finanziellen Kosten übernahmen beide beteiligten Seiten. Während die Ausstattung des Sohnes vor allem in landwirtschaftlichen Geräten oder Handwerkszeug bestand, bekamen die Töchter verschiedene Haushaltsgegenstände oder Vorräte (Kleidung, Bettwäsche, Kleinodien, Getreide usw.). Eine Mitgift bekamen gewöhnlich nur reichere Brautleute. Während diese bei den Frauen aus Vieh bestand, bekamen die Männer darüber hinaus auch Geld oder sogar Immobilien.

In kleineren Siedlungen war es wegen der Angst vor Inzucht keine Ausnahme, dass die Eheschließung eine einmalige Migration bedingte. Ähnlich wie bei der Arbeitsmigration war die Heiratsmigration nur in der nächsten Umgebung des Wohnortes der Brautleute üblich (höchstens 20 Kilometer). In diesem Raum, der gleichzeitig den Umfang der persönlichen Kontakte begrenzte, suchte man auch die Zeugen aus. Die räumlich weiteste Heiratsmigration ist bei den städtischen Siedlungseinheiten zu belegen. Bei spezifischen sozio-beruflichen Gruppen (Händler, Bergleute, Müller usw.) war dies durch Familien- und Berufstrategien bedingt.

Der relativ hohe Anteil an Dorfbewohnern, der in jungem Alter eine Ehe einging, zeigt, dass Südböhmen zum Übergangsraum zwischen dem westlichen und östlichen Familientyp gehörte. Das verbreitete Auftreten von Gesinde und Inwohnern entspricht aber ganz eindeutig den westeuropäischen Familienformen. Bei Haushalten, in denen die Ausgedingeleute und Inwohner häufig vertreten waren, ähnelt die Haushaltsstruktur oft dem östlichen Typ der Familienformen. Obwohl die anerkannte Autorität in der Familie der Mann war, konnte er niemanden von seinen Nachkommen vom Erbe ausschließen.

Nur als Witwe stand die Frau einem Untertanenhaushalt vor. Aufgrund des physischen Aufwands, den der Betrieb der Bauernwirtschaft mit sich brachte, kann man diese Konstellation als vorübergehend bezeichnen. Sie wurde üblicherweise in einigen Jahren von ihrem neuen Ehemann oder ihrem erwachsenen Sohn abgelöst. Eine völlig andere Situation herrschte in den Städten, wo Frauen ihr Vermögen aufgrund des Erbes oder eines Kaufes gewannen. Im Vergleich zur Dorfgemeinde stellte die Eheschließung für sie keine Notwendigkeit dar. In manchen Fällen waren sie soweit selbstständig, dass sie sich völlig unabhängig in der Ausübung von Handel oder Handwerk betätigen konnten.

Mit der Eheschließung und Gründung eines eigenen Haushalts hing oft die Übernahme des väterlichen Gutes zusammen. Vor allem in der Zeit des wirtschaftlichen Zusammenbruchs und der instabilen Eigentumsverhältnisse nach dem Dreißigjährigen Krieg war es keineswegs selten, dass junge Leute im Alter von 20-29 Jahre zu Betriebsinhabern wurden. Diese Erkenntnis widerspricht den gängigen Vorstellungen, dass jeder Landwirt seinen Hof bis zu seinem Tod behalten wollte. Vor allem im Falle der Bauerngüter, die für ihre Besitzer die Möglichkeit eines Altenteils boten, war eine frühzeitige Übergabe nichts Ungewöhnliches.

Im Falle des Todes oder des Abtritts des früheren Hofbesitzers wurde meistens sein eigener Sohn oder Schwiegersohn zum Nachfolger. Ein Interesse an der Erhaltung kontinuierlicher Eigentumsverhältnisse überwog bei den Untertanen erst im 18. Jahrhundert. In der Aufbauzeit nach dem Dreißigjährigen Krieg kann man nicht nur einen Mangel an Arbeitskräften sondern auch an Männern, die imstande waren, eine Untertanenliegenschaft zu übernehmen, belegen. Nicht alle Menschen ohne Vermögen interessierten sich nämlich für die Übernahme einer kriegsbeschädigten oder ganz zerstörten Liegenschaft. Daher ist eine hohe soziale Mobilität zu beobachten. Auch ein Chalupner oder Inwohner konnte hier zum Bauer werden.

Als Folge der Stabilisierung der Eigentumsverhältnisse und der Besetzung der meisten Untertanenwirtschaften war während des 18. Jahrhunderts die Möglichkeit beschränkt, eine fremde Immobilie zu erwerben. Auch bei der Übergabe des Familienvermögens überwog der Transfer innerhalb der eigenen Familie deutlich. Man konnte das fremde Vermögen nur durch die Ehe mit einer Witwe oder Tochter des Besitzers erlangen. Der Kauf einer Untertanenwirtschaft aus den finanziellen Mitteln, die man während des Gesindedienstes oder der Inwohnerschaft gespart hatte, war nur wenig wahrscheinlich. Zur Erlangung von fremdem Vermögen setzte man zielbewusst Heiratsstrategien ein.

Eine ganz andere Situation herrschte in der Gemeinde der Bergleute. Da die dortigen freien Bewohner über hohe finanzielle Einkommen verfügten, waren häufige Veränderungen der Eigentumsverhältnisse nichts Ungewöhnliches. Von einer ungewöhnlichen Fluktuation zeugt auch die Tatsache, dass die Besitzerwechsel nicht in den Grundbüchern notiert wurden. Auch eine Kontinuität im Besitz des Familienvermögens war bei ihnen nicht üblich. Im 17. und 18. Jahrhundert gingen Immobilien hier oft an Menschen außerhalb der Familie. Bei der Wahl des Nachfolgers aus der Reihe der Kernfamilie bevorzugte man auch hier die männlichen Mitglieder - Söhne oder Schwiegersöhne.

Die Situation nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs trug nicht nur zu häufigen Eigentumswechseln bei, sondern förderte auch die Migrationen der Dorfbewohner. Die Untertanen aus den wenig zerstörten Teilen des Eggenberger Dominiums wurden von der Obrigkeit in der Bemühung um die Übernahme einer verlassenen Liegenschaft in einem anderen Teil Südböhmens unterstützt. So gelangten Chalupner oder Inwohner aus dem Böhmerwald in den Besitz von Immobilien im Gebiet von Tábor. Ansonsten waren bäuerliche Migrationen über eine lange Distanz in dieser Zeit ganz selten.

Verlassene Güter in den erforschten Orten übernahmen aber überwiegend lokale Bewohner oder Personen aus der nächsten Umgebung. Nicht nur im Falle der Arbeits- oder Ehemigration, auch in diesem Fall überwog eine räumliche Bewegung mit einer Distanz von höchstens 20 Kilometer. Migrationen häuften sich in den Gerichtsbezirken, die die größten Kriegsschäden aufwiesen. Im Zusammenhang mit der Stabilisierung der Eigentumsverhältnisse nahmen Migrationen im Zusammenhang mit dem Besitzwechsel ab. Gleichzeitig nahm auch deren gesamter Umfang ab. Die Änderungen im Charakter der Eigen-tumsverhältnisse zeigen sich auch an der Kontinuität der Eigentumsverhältnisse: Während im 17. Jahrhundert der Eigentümer nach 1-19 Jahre wechselte, erhöhte sich die Besitzdauer im 18. Jahrhundert auf 10-34 Jahre. Dies lässt sich etwa im Falle des Gerichtsbezirkes Vřesce belegen.

Bei vielen HistorikerInnen herrscht noch heute die Vorstellung vom elenden Leben der Altenteiler, die der Willkür des Hofinhabers unterlagen. Die Erforschung der Grundbücher und Untertanenverzeichnisse zeigte aber eine etwas andere Situation. Da auf dem Altenteil keine Untertanenabgaben oder andere Pflichten lagen, war es im Falle von prosperierenden Höfen wesentlich lohnender, ins Altenteil zu wechseln als den Betrieb einer ganzen Untertanenwirtschaft zu führen.

Viele alternde Bauern zogen angesichts ihres Gesundheitszustandes oder der Verschuldung den Abgang ins Altenteil dem lebenslänglichen Besitz des Hofes vor. Die konkrete Form des Altenteils hing vom ökonomischen Potential der Liegenschaft ab. Während es sich bei den Anwesen der Chalupner auf die Gewährleistung einer gemeinsamen Unterkunft und Verpflegung beschränkte, war dies bei den Bauernwirtschaften anders. Das Altenteil konnte hier nicht nur eine selbstständige Unterkunft darstellen, sondern auch einen Teil eines Feldes, einer Wiese oder einen Garten einschließen. Wenn der Altenteiler ein Gespann besaß, konnte er sich auch etwas "hinzuverdienen". Der Umfang des Altenteils hing aber nicht nur mit einem bestimmten sozialen Raum zusammen, sondern war auch wesentlich von der ökonomischen Situation und dem Charakter der Eigen-tumsverhältnisse des Landes beeinflusst.

Ausgedingeleute konnten nicht nur der ursprüngliche Bauer und seine Ehefrau, sondern auch andere Mitglieder des Haushaltes sein. Meistens handelte es sich um die nicht ausbezahlten Geschwister, die den väterlichen Hof noch nicht verlassen hatten oder ihn aus gesundheitlichen Gründen nie verlassen konnten. Ihr Anspruch auf das Altenteil blieb aber auch im Falle des Todes des ursprünglichen Altenteilers erhalten. Beim Kauf eines Hofes übernahm der neue Besitzer auch das Altenteil in der ursprünglichen Form. Die Untersuchung zeigte für die dörfliche Bevölkerung ein großes Maß an Unabhängigkeit bei der Durchsetzung von persönlichen und familialen Strategien. Das erwähnte Bild widerspricht ganz eindeutig der herkömmlichen Vorstellung von einem Untertanen, der in seiner Handlung völlig von den Vorstellungen des Herrschaftsinhabers, der obrigkeitlichen Kanzlei oder des hiesigen Pfarrers abhängig war.